Grzybobranie (das Pilzesammeln) ist eine der polnischsten Traditionen überhaupt: Aufstehen im Morgengrauen im September, ein Weidenkorb, geheime Familienplätze, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, und ein stiller Wettlauf um den ersten prawdziwek. Polen gehört zu den Ländern, in denen Pilze Teil der Kultur sind und nicht nur der Natur. Die berühmteste literarische Spur dieser Tradition ist die Pilzszene im III. Buch von „Pan Tadeusz“. Die Volksnamen (prawdziwek, kozak, maślak, rydz, gąska, kania, podgrzybek) leben bis heute in der polnischen Alltagssprache.
Warum ist Polen ein Land der Pilzsammler?
Mitte des 20. Jahrhunderts schlugen der amerikanische Forscher R. Gordon Wasson und seine Frau Valentina vor, Völker in Mykophile einzuteilen, also Menschen, die Pilze lieben, kennen und sammeln, und Mykophobe, die ihnen mit Misstrauen oder Abneigung begegnen. Die Slawen, darunter die Polen, sind in dieser Einteilung ein klassisches Beispiel für Mykophile.
Dazu haben mehrere Dinge beigetragen:
- Viel Wald: Wälder bedecken fast ein Drittel Polens, und die meisten sind frei zugänglich.
- Wissen aus der Familie: Kinder lernen Pilze von Eltern und Großeltern, oft bevor sie die Namen der Bäume kennen.
- Pilzesammeln als geselliges Ereignis: gemeinsamer Ausflug, Gespräche, Körbe vergleichen.
- Saisonalität: das herbstliche Pilzaufkommen hat etwas von einem Fest, auf das man das ganze Jahr wartet.
Pilzesammeln in „Pan Tadeusz“
Die bekannteste Beschreibung des Pilzesammelns in der polnischen Literatur steht im III. Buch von Adam Mickiewiczs „Pan Tadeusz“ mit dem Titel „Umizgi“ (etwa „Liebeleien“). Die Bewohner und Gäste von Soplicowo ziehen in den Wald, um Pilze zu sammeln. Das Pilzesammeln ist hier ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem die Pilze ein Vorwand für Begegnungen, Flirts und kleine Intrigen sind.
Mickiewicz beschreibt den Wald und seine Pilzbewohner mit spürbarer Zärtlichkeit: Er zählt eine Art nach der anderen auf, gibt ihnen Charakter und erinnert daran, welche die Sammler suchen und welche sie links liegen lassen. Daneben spielen sich die Geschichten der Hauptfiguren ab – Tadeusz, Telimena, der Graf – darunter die berühmte Szene in einem Waldwinkel, der Świątynia dumania („Tempel der Besinnung“) genannt wird. Das Pilzesammeln wird zur Kulisse, vor der das ganze gesellschaftliche Leben eines Adelshofs sichtbar wird.
Die Szene ist noch aus einem weiteren Grund wichtig: Sie zeigt, dass das Pilzesammeln schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der polnischen Kultur etwas Selbstverständliches und Gemeinsames war – eine Beschäftigung, die Generationen und Stände verband. Es lohnt sich, das Original zu lesen: Es ist eine der „waldigsten“ Passagen der polnischen Dichtung.
Volksnamen der Pilze
Polnische Sammler verwenden selten die offiziellen Artnamen. Im Wald leben die Volksnamen – kurz, vertraut und je nach Region sehr unterschiedlich.
- Prawdziwek – der Steinpilz. Der Name geht auf die Überzeugung zurück, dass er der „echte“ Pilz ist (prawdziwy heißt „echt, wahr“), der im Wald am meisten gesucht wird. Er wird auch einfach borowik genannt.
- Kozak – Raufußröhrlinge (Leccinum), vor allem der Birkenpilz unter Birken und die Rotkappe, auch czerwoniak („der Rote“) genannt.
- Maślak – Schmierröhrlinge (Suillus), erkennbar an der schmierigen, wie eingefetteten Huthaut (masło heißt „Butter“).
- Rydz – der Edel-Reizker, der bei Verletzung orangefarbene Milch absondert.
- Gąska – Sammelname für viele Ritterlinge (Tricholoma). Achtung: Der früher oft gesammelte Grünling gilt heute als gefährlich.
- Kania und sowa – der Parasol (Gemeiner Riesenschirmling), ein großer Pilz mit einem Hut wie ein Schirm. In vielen Regionen heißt er sowa („Eule“).
- Podgrzybek – der Maronen-Röhrling, einer der häufigsten Pilze in polnischen Körben.
- Kurka – der Pfifferling (Cantharellus cibarius), den jeder an seiner gelben Farbe kennt.
Dieselben Wörter können in verschiedenen Teilen Polens unterschiedliche Arten bezeichnen. Deshalb nennt der Gribo-Atlas neben dem deutschen Namen immer auch den lateinischen.
Bräuche der Pilzsammler
Das polnische Pilzesammeln hat einen ungeschriebenen Kodex, der Generationen überdauert hat:
- Aufbruch im Morgengrauen: Wer zuerst kommt, sammelt zuerst. Früh am Morgen ist die Luft auch kühler und im Wald liegt Tau.
- Ein Weidenkorb: Die Pilze können atmen und werden nicht zerdrückt, anders als in Plastiktüten.
- Messerchen und Stock: Mit dem Stock schiebst du Laub beiseite, mit dem Messer putzt du den Pilz.
- Geheime Plätze: Familienstellen, von denen man Fremden nichts erzählt, manchmal nicht einmal den Nachbarn.
- Wettstreit: Wer findet den ersten prawdziwek, wer bringt am meisten mit, wer stößt auf die größte kania.
- Geschichten: Erzählungen von „einem Pilz, der nicht in den Korb passte“, die jahrelang weitergegeben werden.
In Gribo bekommen diese Bräuche eine moderne Form: eine Karte deiner Plätze, Expeditionen mit Freunden, Trophäen und Ränge, die mit dir wachsen, und für jedes Sammlerprofil eine eigene Rangleiter. Am Geist ändert sich dabei wenig: Es bleiben das gemeinsame Abenteuer und ein bisschen gesunder Wettstreit.
Tradition ist nicht dasselbe wie Sicherheit
Dass unsere Großeltern etwas gesammelt haben, heißt nicht, dass es sicher ist. Das Wissen über Pilze ändert sich.
- Olszówka, der Kahle Krempling, war in Polen über Generationen ein beliebter Korbpilz. Heute weiß man, dass er eine gefährliche Immunreaktion auslösen kann, die rote Blutkörperchen zerstört – auch bei Menschen, die vorher keine Probleme mit ihm hatten.
- Gąska zielonka, der Grünling, wurde lange gern gesammelt, gilt aber nach beschriebenen schweren Vergiftungen heute als gefährlich.
- Haustests – Silberlöffel, Zwiebel, Schneckenspuren auf dem Hut – sind Mythen, die Giftpilze nicht von anderen Pilzen unterscheiden.
Deshalb verbindet gutes Pilzesammeln Tradition mit aktuellem Wissen. Sammle nur Arten, die du sicher erkennst. In vielen Ländern sind manche Arten gesetzlich geschützt – lass sie im Wald stehen. Bring jedes unsichere Exemplar zu Pilzsachverständigen (Liste bei der DGfM). In Polen prüfen etwa die Sanitärstationen Pilze kostenlos, denn ob ein Pilz gegessen werden kann, entscheidet ein Pilzsachverständiger. Mehr dazu in unserem Ratgeber zur Sicherheit beim Pilzesammeln.
Bei Verdacht auf Vergiftung ruf die 112 an und nimm die Pilzreste mit ins Krankenhaus. Wenn du gerade erst mit dem Pilzesammeln anfängst, lies unsere Grundlagen der Pilzbestimmung. Lass dich dabei von einer Tradition mitreißen, die in Polen Hunderte von Jahren alt ist.
Häufige Fragen
In welchem Buch von „Pan Tadeusz“ steht die Szene des Pilzesammelns?
Im III. Buch mit dem Titel „Umizgi“ (etwa „Liebeleien“). Die Bewohner und Gäste von Soplicowo ziehen in den Wald, um Pilze zu sammeln, und Mickiewicz beschreibt mit Humor und Zärtlichkeit sowohl die Pilze als auch die Sammler selbst.
Warum sammeln Polen so gern Pilze?
Das Pilzesammeln verbindet Bewegung an der frischen Luft, Wettstreit und Familientradition. Polen hat viele frei zugängliche Wälder, und das Wissen über Pilze und die Lieblingsplätze wird seit Generationen in den Familien weitergegeben.
Woher kommt der Name prawdziwek?
Der polnische Volksname des Steinpilzes (Boletus edulis) geht auf die Überzeugung zurück, dass er der „echte“ Pilz ist (prawdziwy heißt „echt, wahr“) – der von Sammlern am meisten gesuchte.
Sind die Pilze, die unsere Großeltern gesammelt haben, sicher?
Nicht immer. Den Kahlen Krempling und den Grünling hat man über Generationen gesammelt, heute gelten beide als gefährlich. Zeig jedes zweifelhafte Exemplar einem Pilzsachverständigen.